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Wie kommt es, dass eine Hundetrainerin sich mit Kindern auseinandersetzt? Die Antwort ist ganz einfach. Die Faszination für das Verhalten von Lebewesen und die Erkenntnis, dass wir auch nur Säugetiere sind, bewegte mich dazu, mich mit der Spezies Mensch und seiner Ontogenese noch tiefer auseinanderzusetzen. Der erste Schritt lässt sich in der vergleichenden Verhaltensforschung finden. Forscher wie Adam Miklosi, der die Evolution und Kognition von Hunden erforschte über Prof. Norbert Sachser, der die Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier aufzeigte bis hin zu Jaak Panksepp, der speziesübergreifende neurologische Emotionssysteme erforschte, rückte der Mensch-Tier-Vergleich immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Dass sich vor diesem Hintergrund auch Erziehungsmethoden übertragen lassen, ist eine logische Konsequenz. Jedes Lebewesen hat einen eigenen Verhaltensrahmen, der dieser Spezies eine Entwicklung ermöglicht – aber nicht darüber hinaus. Ein Delphin wird nie laufen lernen oder ein Mensch fliegen und doch verbindet jedes Lebewesen das Fühlen und Verhalten. Nun wurde mir immer wieder gesagt, ein Kind differiere aber doch in seiner Entwicklung – natürlich, denn der Verhaltensrahmen des Menschen beinhaltet die Sprache und die Anlagen für strategisches Denken und Reflexion. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Mechanismen, nach denen wir lernen und leben.

Das ist auch der Grund, warum viele Termini sowohl im Tier- als auch im Menschenreich angewandt werden. Ein klassisches Beispiel ist der Begriff „Meideverhalten“. Der Terminus für Meideverhalten wird in der Humanpsychologie auch Vermeidungsverhalten genannt. Meideverhalten gehört zu den schützenden Mechanismen von Lebewesen – evolutionsbiologisch gesehen, hat es dafür gesorgt, dass unsere Spezies überlebt. Meideverhalten lässt sich beginnend bei der Mikrobe bis zum Menschen feststellen, denn Schlechtem und Unangenehmen gehen wir aus dem Weg. Das ist übrigens auch der Grund, warum Strafe so wunderbar funktioniert – wir möchten sie vermeiden. Explorationsverhalten (Erkundungsverhalten), Aggressionsverhalten, Angstverhalten – die Anzahl der Begriffe, die sowohl in der Humanpsychologie und -pädagogik als auch in der Verhaltensforschung von Tieren genutzt wird, ist groß.

Wenn Lebewesen Schlechtem aus dem Weg gehen, so liegt es in der Natur der Sache, dass sie sich dem Gutem zuwenden, denn etwas, das sich gut anfühlt, werden sie wiederholen. Das „Gute“ kann eine Situation sein, die glücklich macht, es kann das gemeinsame Interagieren sein oder ein Erfolg, den man feiert, der stolz macht. Aus diesem Grundprinzip leitet sich die positive Verstärkung ab, die wir alle tagtäglich nutzen – ohne dass wir uns darüber bewusst sind.

Warum Clickertraining?

Clickertraining ist eine Möglichkeit, sich die Grundprinzipien des Lernens zunutze zu machen. In Deutschland ist der Clicker eng mit dem Tiertraining verbunden – die wenigsten wissen, dass der Ursprung dieser Art des Trainings in der Humanpsychologie liegt und auf Tiere übertragen wurde – im Grunde übertrage ich also nicht das Tiertraining auf den Menschen, sondern das Menschentraining auf den Menschen und doch wird dieses Training oft kritisiert oder als fragwürdige Methode propagiert. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich viele Mythen um das Thema positive Verstärkung und Marker-/Clickertraining ranken.

Was ist der Clicker?

Der Clicker wird als auditives Feedback eingesetzt, eine Bestätigung für ein Verhalten, das uns freut.

Ist es nicht überholt, erwünschtes und unerwünschtes Verhalten zu kategorisieren und damit zu werten?

Jein. Ich mag und nutze die Formulierung „unerwünschtes Verhalten“ nicht, weil er impliziert, dass ein Lebewesen etwas falsch gemacht hat. Fehler sind Informationen, Chancen, es anders zu probieren. Ein weiterer Grund ist, dass es nicht zielführend ist, ein Verhalten zu werten – lieber frage ich nach dem WARUM? Warum zeigt ein Lebewesen dieses Verhalten. Hinter jedem Verhalten steht eine Emotion und hinter jeder Emotion ein Bedürfnis – evaluiere ich das Bedürfnis, kann ich an der Ursache arbeiten und nicht nur die Symptome behandeln. Diese Art des Trainings nennt sich bedürfnisorientiert.

Der Clicker legt den Fokus aber aufs Verhalten, wie kann er dann die Beziehungsebene beeinflussen?

Diese Frage ist wichtig, weil sie zu den größten Mythen gehört. Ersetzen Sie Clicker durch ein Lächeln, ein Kopfnicken oder ein Klatschen – das, was wir jeden Tag machen, wenn unser Gegenüber etwas vollbracht hat, das uns freut. Ich ersetze das Lächeln durch einen Clicker – die Funktion ist exakt die gleiche. Und: die Gesellschaft legt Normen fest, denen wir uns nicht entziehen können. Spätestens in der Schule sind Verhaltensweisen formuliert und gefordert, die manch eine:r als unangebracht oder einschränkend empfindet, und doch bleibt uns nichts anderes übrig, als diesen Lernprozess zu durchlaufen – es stellt sich eher die Frage, WIE.

Warum ist der Clicker dann überhaupt nötig?

Den Clicker nutze ich sehr häufig gar nicht für das Kind, auch wenn es im ersten Moment den Anscheint erweckt, schließlich wird das Kind oder der Hund anschließend belohnt. Hunde- oder Menscheneltern sind oft so gefangen in ihrer Negativspirale, dass sie etwas zum Festhalten brauchen, das ihnen die Umstellung von der strafbasierten Erziehung zum Fokus aufs Positive erleichtert. Es ist also ein Einstieg, der den Eltern einen neuen Zugang zu ihren Schutzbefohlenen ermöglicht, der eine Erinnerung ist, ihr eigenes Verhalten zu ändern. Mein Fokus liegt also nur augenscheinlich auf dem Verhalten – genauer analysiert, zeigt sich aber, dass das eigentliche Ziel die Arbeit auf der Beziehungsebene ist. Entsprechend wird der Clicker ausgeschlichen, weil er nicht zum langfristig festen Bestandteil werden soll.

Kann ein Clicker schaden?

Wie jede Form der Erziehung, kann auch das Clickertraining schaden. Allerdings minimiert sich das Risiko im Gegensatz zum vorher gezeigten strafbasierten Erziehen deutlich, weil der Clicker dann eher zum nervenden Geräusch, denn einem schädigenden Einfluss wird und – auch hier wieder wichtig, auch ein Kopfnicken oder Lächeln hat die gleiche Wirkung. Ein mit Angst verknüpftes Lächeln (z. Bsp. das Lachen eines „Killerclowns“), kann psychologisch gesehen, ebenfalls Angstreaktionen hervorrufen. Schadet der Clicker gesunden Kindern? Eher nicht. Eine Grundregel meiner Arbeitet lautet, nicht mit Familien zu arbeiten, in denen eine medizinische oder psychologische Diagnose gestellt wurde, auch stelle ich selbst keine Diagnosen, ziehe aber Fachpersonal hinzu, wenn ich Bedarf sehe. Ich gestalte Alltagssituationen spielerisch, therapeutische Behandlungen lehne ich ab und leite sie weiter, weil sie nicht meiner Kompetenz entsprechen.

Ist diese „Methode“, das Arbeiten über das Markertraining nun fragwürdig?

Für Menschen, die sich mit der aktuellsten Forschung auf diesem Gebiet nicht auseinandergesetzt haben, ganz sicher. Der Mythos, dass es sich bei dieser Art des Trainings um eine längst überholte, aus den dreißiger Jahren stammende Praktik handelt, die sich nicht weiterentwickelt hat, wird leider immer noch häufig propagiert. Die Forschung sorgt für immer neue Erkenntnis oder baut bestehende Erkenntnisse aus, so auch die Forschungen zu Lob, Verstärkung oder Clickertraining. Sehr oft ist also ein veralteter oder unzureichender Wissensstand die Ursache für diese Aussagen, deswegen schätze ich den Hintergrund des speziesübergreifenden Lernens so sehr – er ist für sehr viele Aha-Erlebnisse verantwortlich. Diese Erfahrung darf ich immer wieder aufs Neue machen, wenn ich zu diesem Thema Seminare gebe und die Glühbirnen über den Köpfen meiner Teilnehmer leuchten. Was die aktuelle Forschung dazu sagt, beschreibe ich ausführlich in diesem Buch.

Könnte jetzt jede/r Hundetrainer:in Kinder unterstützen?

Natürlich kann er/sie Kinder und Familien unterstützen, es stellt sich mehr die Frage, auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Form der Unterstützung beruht. In meinem Fall habe ich mich lange vor dem Hundetraining schon mit Psychologie und Pädagogik auseinandergesetzt. 2010 unterstützte ich das wissenschaftliche Team um Prof. Manfred Spitzer bei einem Pilotprojekt, das gehirngerechtes Lernen in Grundschulen fördern und ermöglichen sollte. Dort zeigte sich, wie fruchtbar die Zusammenarbeit der Forschung mit der Pädagogik sein kann – ein Umstand, den ich bis heute anstrebe. Ich habe mich vor über 6 Jahren, als ich begann, die Kinderbuchreihe „Verstehen, Staunen, Trainieren, Entdecken“ Band 1-3 wissenschaftlich mit der kognitiven und emotionalen Entwicklung von Kindern auseinandergesetzt, weil ich Kindern unterschiedlicher Altersgruppen Wissen vermitteln wollte, das an ihre alterspezifischen Fähigkeiten angepasst ist. Durch meinen trainerischen Schwerpunkt „Kind und Hund“ und Problemstellungen im familiären Kontext, stand ich immer wieder vor Situationen, in denen Eltern an ihre Grenzen gerieten. Durch die Zusammenarbeit mit Lehrstühlen, überwiegend aus den USA, wie Prof. Susan Friedman (Universität Utah), die speziesübergreifendes Lernen erforscht, Prof. Clive Wynne (Universität Arizona), Prof. Jesús Rosales-Ruiz und Mary Hunter und Prof. Àdám Mikósi (Universität Budapest), für die ich wissenschaftliche Literatur übersetze, konnte ich eine wissenschaftliche Brücke zwischen Mensch und Hund schlagen, eine, die nicht nur auf die vergleichende, sondern auch angewandte Verhaltensforschung baut. 2019 begann ich, durch die immer wieder auftretende Konfrontation mit Kindern, an denen die Eltern verzweifelten, eine eigene Studie zu konzipieren, die die Effizienz von Markertraining für Kinder, die dauerhaft distanzloses Verhalten dem Hund gegenüber zeigten, untersucht. Sie wird voraussichtlich Ende 2021 abgeschlossen sein und einem peer review unterzogen. Damit bin ich in Deutschland die einzige, die zu diesem Thema wissenschaftlich arbeitet und hoffe, dass mir viele folgen werden. Meine Erfahrungen als dreifache Mutter konnte ich so um den wissenschaftlichen psychologischen Hintergrund erweitern – eine Kombination, die ich mir langfristig auch für viele pädagogische Einrichtungen wünsche.

In meinem Buch, an dem ich aktuell schreibe, werden all diese Themen und noch mehr behandelt…