Hundeverhalten & Menschensicht

Die Hausleine

Anna ist jetzt ca. ein Jahr alt, wir bekamen sie mit 5 Monaten aus sehr desolaten Verhältnissen. Sie ist das, was man einen klassischen „Angsthund“ nennt. Bis heute ist sie nicht ganz stubenrein, weil die Reizlage draußen für sie oft noch zu hoch ist. Sie hat Angst und flüchtet, wenn sie Menschen sieht. Drinnen hingegen, in Sicherheit, kann sie ihr Erregungsniveau überhaupt nicht regulieren, fährt schnell hoch. Tiefer Schlaf war lange nicht möglich, sie ist nach wie vor bei jedem Geräusch wach, träumt aber inzwischen. Sie kann nicht allein bleiben, geschlossene Türen gehen nicht, auch Gitter sind ein Problem. Das ist ein Balanceakt für mich als Trainerin, aber auch als Hundehalterin mit drei Kindern, denn sie hat keine Beisshemmung gelernt. Ich habe mit ihr geübt, in winzigen Schritten und es wurde besser. Aktuell erleben wir einen enormen Rückschlag. Wenn sie beißt, ist das extrem schmerzhaft, auch für die Kinder. Über Management wie Gitter konnte und kann ich nicht arbeiten, da sie sofort frustet und dann ins Angstverhaltrn rutscht, Maulkorb war in dem Zustand auch keine gute Idee, es war schon ein Akt, das Geschirr positiv zu verknüpfen und über den Kopf zu stülpen. Es musste eine andere, frustfreie Lösung her: die Hausleine. Diese Leine benutze ich ausschließlich drinnen und im Garten, wenn sie liegt. Ich habe sie aufgebaut in entspannter Umgebung und sie in Anwesenheit der Leine gestreichelt. Sie hat mit ihr auch geschlafen. Sie lag einfach da. Nicht am Geschirr. Sie war präsent, ohne dass sie eine Einschränkung bedeutete. Erst dann verknüpfte ich sie mit dem Geschirr. Diese Leine halte ich nun in der Hand, damit Anna die Kinder nicht mehr beißt. Ich halte die Leine so, dass sie nicht die Möglichkeit hat, das Verhalten zu zeigen. Ich rucke nicht daran oder ziehe sie nach hinten, sondern sorge für eine Grenze. Das kann schiefgehen, dann nämlich, wenn der Hund beginnt zu frusten, weil er mit dieser Beschränkung nicht umgehen kann. Deswegen ist es ungemein wichtig, die Leine vorher gut aufzubauen und in Situationen zu nutzen, die entspannt sind. Wenn sie ruhig bleibt, dürfen die Kinder ihre Hand hinhalten und fragen, ob sie gestreichelt werden möchte. Das sagt sie uns, weil auch die Kinder ihre Körpersprache lesen können. Mir ist das wichtig, weil „Nein“ sagen nicht reicht, sie soll ja lernen, wie sie mit den Kindern interagieren kann. Ich könnte sie anschreien, oder wegkicken, aber das nutzt ihr nicht. Sie ist nicht mehr ansprechbar, bei lauter Einwirkung dreht sie noch mehr hoch – sie kann! nicht anders, ihr Gehirn verwehrt ihr die Selbstregulation. Schreien, Kicken, Zwicken ist auch für „normale“ Hunde keine probate Form der Erziehung, deswegen ist für mich die Hausleine für (solche) Hunde das Mittel der Wahl, weil ich a. unmittelbar auf den Hund einwirken kann, b. der Hund durch mich Rückhalt hat und c. er durch die Verknüpfung mit Entspannung die Chance, ein alternatives Verhalten zu finden, das ihm gut tut. (Auf dem Bild ist sie übrigens grad kurz vorher im Garten gewesen und hat die Nachbarn gesehen, das reicht für dieses Gesicht)

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