Hundeverhalten & Menschensicht

Wenn der Familienhund unglücklich ist…

Ich möchte heut das Schicksal einer Kundenfamilie mit euch teilen, stellvertretend für all die Familien, die vor der gleichen Situation stehen. Die Familie suchte Rat, weil der Familienhund (ein 4jähriger Ridgeback Rüde aus schlechter Haltung) dem zwei Jahre alten Kind gegenüber Drohverhalten gezeigt und bereits geschnappt hat. Er war immer schon sehr auf seine Bezugsperson fixiert und musste diese nun „teilen“. Das ging solange gut, bis das Baby zum Kleinkind wurde und begann, mobil zu werden. Das war dem Rüde sehr unheimlich. Ein Klassiker übrigens. Die Kleinkindphase zwischen 10 Monaten und 3 Jahren ist für Familien die anstrengendste Zeit und birgt immer ein erhöhtes Gefahrenpotential. Die Kundin hat vorbildlich Management betriebenen und wirklich konsequent darauf geachtet, Kind und Hund nicht mehr unbeaufsichtigt zu lassen und doch befand sie sich in einer akuten Überforderungssituation. Sie hatte das Gefühl, dem Hund nicht mehr gerecht zu werden. Er sei dauerhaft traurig und gestresst. Ich begleite die Familie nun eine Weile und sehe eine wirklich bemühte Halterin. Als Trainerin weiß ich, wie ich diese Situation technisch lösen kann. Welche Funktion das Verhalten des Rüden hat, wie man durch Management, Struktur, dem Etablieren von Ritualen und Training ein entspanntes Miteinander schaffen kann. Was ich nicht lösen kann, ist die Tatsache, dass der Hund trotzdem dauerhaft ein „Kompromissleben“ lebt. Er mag Kinder im Grunde nicht. Die Halterin schämte sich, mir zu sagen, dass sie an eine Abgabe denkt, einfach, damit es dem Rüde in einer kinderlosen Familie besser geht. Ich könnte das als Trainerin jetzt verurteilen. Würde ich aber niemals tun. Nicht nur, weil ich selbst Mutter bin und sehr gut weiß, wie es ist, in einer Überdorderungssituation zu stecken, sondern auch, weil ich selbst schon vor dieser Entscheidung stand. Es gibt gute Gründe für eine Abgabe und ich finde es sehr bedauerlich, dass das immer noch so verurteilt wird. Mir geht es nicht um eine frühzeitige Abgabe, weil es einem zu stressig ist, oder man nicht bereit ist, sauber zu trainieren. Mir geht es um die Fälle, in denen es dem Hund in dieser Lebensgemeinschaft so schlecht geht, dass er irgendwann daran kaputt geht.Wir erwarten von unseren Hunden, dass sie selbstverständlich akzeptieren, dass ein Menschenkind in die Familie kommt – gefragt hat ihn keiner. Und ja, es kann eine Weile super funktionieren. Aber wenn es das, trotz langer trainerischer Unterstützung nicht tut, ist es Zeit, darüber nachzudenken, was der Hund braucht, um glücklich zu sein – und das ist in manchen Fällen eine neue Familie. Es muss sich keiner schämen, über eine Abgabe nachzudenken. Ich kenne keinen Kunde, der seinen Hund leichtfertig abgibt. Ich möchte nicht, dass das Thema „Abgabe“ so tabuisiert wird in der Hundewelt. Es ist unfair dem Hund gegenüber. Nur, weil wir die technischen Möglichkeiten haben, bedeutet das nicht, dass wir sie auf Biegen und Brechen einsetzen müssen. Das verstehe ich auch als Teil unserer verantwortungsbewussten Arbeit – Kunden darin zu begleiten, den Hund vorzubereiten und ihn in die neue Familie zu entlassen.

Foto: Shutterstock ANURAK PONGPATIMET

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