Hundeverhalten & Menschensicht

Aufmerksamkeitsheischendes Verhalten – Ein Gedankenanstoß

Der Begriff „aufmerksamkeitsheischendes Verhalten“ hat seinen Ursprung in der Humanpsychologie (Mellor, 2005). Spannend ist, dass er in einer großen Anzahl in Publikationen genutzt wird, ohne jedoch wissenschaftlich tiefer erforscht zu sein. Das „aufmerksamkeitsheischende Verhalten“ ist im Grunde ein Überbegriff für verschiedene Verhaltensweisen, die aber alle die gleiche Funktion haben – das Erhalten von Aufmerksamkeit. Das können bei Kindern Verhaltensweisen wie das Jammern, „Bockig sein“, Schreien, Beschimpfen, Beißen, Kratzen, Weinen usw. sein. Diesen übergeordneten Begriff findet man aber ganz ausgeprägt auch bei Erwachsenen, seit es die sozialen Medien gibt – das Präsentieren des eigenen Wohlstandes, technischen Könnens, der Kochkunst, des neuen Bikinis. Möglichst noch interessanter zu sein als der andere, um viele Likes zu erhalten, ist nichts anderes als das Suchen nach Aufmerksamkeit. In der Hundewelt hat sich dieser Begriff insbesondere in der Verhaltensberatung etabliert. Er beschreibt auch wieder viele verschiedene Verhaltensweisen – gebündelt in der Aussage, dem/der Halter*in auf die Nerven zu gehen durch unerwünschtes Verhalten. Mit der Nase anstupsen, mit der Pfote kratzen, auf die Bezugsperson steigen und wenn das nicht „wirkt“, Frustbellen oder Dinge zerstören, sind klassische Merkmale. Das Wort „heischend“ ist in der deutschen Sprache sehr negativ assoziiert – es ist ein unerwünschtes Adjektiv und damit wertend. Ist es hilfreich, in der Verhaltensberatung, gleich ob bei Kind oder Hund, eine Wertung in ein Verhalten zu legen? Ich glaube nicht. Allein die Tatsache, dass er als Überbegriff genutzt wird, ist schon viel zu pauschal formuliert. Wenn dann noch eine Wertung hinzukommt, ist ein neutrales, differenziertes Analysieren im Grunde nicht mehr möglich. Man geht mit einer schon eingefärbten Erwartungshaltung in das Training. Wie immer in der Verhaltensberatung ist es wichtig, nach der Funktion zu fragen. Welche Funktion hat dieses Verhalten? Es hat die Funktion, Aufmerksamkeit von der Bezugsperson zu erregen und zu erhalten. Warum benötigt ein Lebewesen Aufmerksamkeit? Weil ihm etwas fehlt! Das ist der Grund, warum ich mit dem Zusatz „heischend“ so ein Problem habe. Ein Lebewesen kommt nicht einfach so zu seiner Bezugsperson, um sie zu ärgern – es hat einen Grund, ein Bedürfnis. Immer. Wenn wir dieses Bedürfnis erkennen und einen Weg finden, gemeinsam an einer Bedürfnisbefriedigung zu arbeiten, dann muss ein Lebewesen das unerwünschte, „aufmerksamkeitsheischende“ Verhalten gar nicht mehr zeigen. Eines ist nämlich, wie bei jedem Verhalten sehr wichtig – das Lernen. Wenn ein Tier oder Mensch gelernt hat, dass man mit dieser Strategie Erfolg hatte – und meistens ist das der Fall, weil spätestens beim Schreien oder Bellen doch reagiert wird, (auch wenn es negativ ist!) wird man es wieder zeigen. Die beste Prävention ist also nicht das Labeln mit dem Begriff „aufmerksamkeitsheischendes Verhalten“, sondern das differenzierte Betrachten der einzelnen Verhaltensweisen und das Suchen nach deren Funktion – dann nämlich kann man an der Ursache arbeiten. Natürlich ist ein sammelnder Überbegriff trotzdem sinnvoll, ich würde mir nur wünschen, dass er weniger wertend ist. Was, wenn wir „aufmerksamkeitsheischend“ durch „aufmerksamkeitssuchend“ ersetzen? Ändert sich dann die Sichtweise? Für mich schon

Übrigens: im Englischen wird attention seeking behavior (Aufmerksamkeitssuchendes Verhalten) genutzt – tun wir es ihnen gleich. Unseren Hunden, der Präzision unseres Trainings und unserem Anspruch, wissenschaftlich basiertes Training anzubieten, zuliebe.

Foto: Shutterstock © Daxiao Productions

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