Hundeverhalten & Menschensicht

Allgemein- oder Facharzt?

Ich möchte euch heute ein bisschen darüber erzählen, warum ich es so wichtig finde, sich zu spezialisieren – zu diesem Zwecke nutze ich die Analogie zur Ärzteschaft. Warum? Weil es sich 1:1 auf den Beruf des Hundetrainers umlegen lässt. Ein Allgemeinarzt ist enorm wichtig. Er sorgt durch sein breites Wissen dafür, dass es uns gut oder besser geht. Die erste Anlaufstelle ist also in der Regel der Allgemeinarzt. Der Allgemeinarzt erstellt eine Anamnese und entscheidet dann, ob er das Krankheitsbild selbst behandeln kann oder ob er den Patienten an einen Facharzt überweist. Nun gibt es nicht nur EINEN Facharzt, sondern viele verschiedene Fachrichtungen. Onkologie, Pädiatrie, Unfallchirurgie, Kardiologie usw. Er überweist also nicht an IRGENDeinen Facharzt, sondern an einen, der auf das jeweilige Gebiet spezialisiert ist. Der Facharzt ist der Hundetrainer/Verhaltensberater, der sich auf ein bestimmtes Thema festgelegt hat. In meinem Fall ist das Problemverhalten in Familien. Natürlich weiß ich theoretisch, wie man einen Rückruf aufbaut, wie man Gruppenkurse leitet oder Welpen das Hochspringen abtrainiert – aber ich praktiziere es nicht. Ich praktiziere es deswegen nicht, weil ich NUR und AUSSCHLIESSLICH Problemverhalten in Familien betreue. In den meisten Fällen geht es um bereits vorgefallene Beißvorfälle, akut gezeigtes Aggressionsverhalten und manchmal auch um Vorbeugung. Mein Augenmerk liegt dabei insbesondere auch in der Arbeit mit Kindern. Ich als „Fachärztin“ brauche ein völlig anderes Wissen als ein Allgemeinarzt. Ich muss mich mit pädagogischer Psychologie auseinandersetzen, mit kognitiven Entwicklungsstadien von Kindern. Ich fertige eigene Studien und Beobachtungen zu dem Thema an, bespreche mich mit Wissenschaftlern, die mich fachlich unterstützen, tausche mich mit Kollegen der gleichen Fachrichtung aus. Ich muss mich also in ganz anderen Bereichen als ein „Allgemeinarzt“ weiterbilden – und das ist gut so! Es braucht sowohl einen Allgemein- als auch einen Facharzt. Ich liebe übrigens Allgemeinärzte! Ohne sie wären wir aufgeschmissen. Lauter ungezogene, schlecht sozialisierte Hunde wären die Folge. Ich würde als Allgemeinarzt hochkant versagen. Ich finde es aber enorm wichtig, dass man nach einer Anamnese überlegt, überweise ich zu einem Facharzt oder kann ich es selbst „behandeln“! Ich leite Anfragen weiter, wenn es um Welpengruppen, Leinenführigkeit oder andere Grundsignale geht. Ich leite auch Aggressionen zwischen Hunden in Tierheimen weiter, einfach weil meine Spezifikation Problemverhalten in Familien ist. Je klarer also die eigene Vorstellung der Fachrichtung ist, die man praktizieren möchte, desto klarer kann man auch kommunizieren, ob das in den eigenen Kompetenzbereich fällt oder nicht. Ich würde mir sehr wünschen, dass noch mehr darauf geachtet wird, welchen Schwerpunkt man als Trainer hat und diesen dann wirklich mit allem Wissen ausstattet, das es für einen guten Allgemein- oder Facharzt eben braucht und alles andere an die Kollegen und Kolleginnen weiterleitet. Fragt als Kunden nach, ob der Trainer eures Vertrauens einen Facharzt kennt, wenn ihr den Eindruck habt, dass er dieser Situation nicht gewachsen ist. Ist er seriös, wird er euch einen Facharzt nennen, denn es sollte nicht darum gehen, es „irgendwie“ zu lösen, sondern darum, gutes, qualitativ hochwertiges Training anzubieten.

Foto: Sabine Fehrenbach

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