Hundeverhalten & Menschensicht

Die Angst und was sie mit uns macht

Ich habe Höhenangst. Ich habe immer schon Respekt vor der Höhe gehabt, dieser Respekt wurde zu einer Angst und die Angst zu einer Phobie. Wie ist das möglich? Ich habe als Jugendliche ein mulmiges Gefühl empfunden, wenn ich von einer Brücke herab schaute, ordnete dieses Gefühl aber als „gesund“ ein, schließlich ist es die Aufgabe unseres Körpers, uns vor potentieller Gefahr zu warnen. Das mulmige Gefühl wurde im Laufe der Jahre aber immer intensiver, bis ich es plötzlich nicht mehr steuern konnte. Wenn ich nun auf einer Brücke stand, wurde mir schwindelig, ich hatte das Gefühl, ein Sog zöge mich nach unten. Mein Herz raste und mein Atem stockte. Die Angst war mächtig und zog ihre Kreise – es reichte schon eine Leiter, die in mir diese Symptome auslöste. Ich verkrampfte nur bei dem Gedanken daran, über eine Brücke gehen zu müssen. Ich habe lange überlegt, wie ich dieser Angst Herr werden kann, welche Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen, um sie nachhaltig zu reduzieren oder, noch besser, zu eliminieren. Konfrontationstherapie – das klang plausibel. Dem Angstauslöser stellen und gleichzeitig mit Entspannungstechniken der Angst entgegentreten. Klang sinnig, also begann ich, mich auf eine Brücke zu stellen und tief aus und ein zu atmen. Schaute immer wieder herunter mit dem Erfolg, dass der Schwindel eher schlimmer als besser wurde. Es musste also gründlich etwas schief gelaufen sein. Durch die Arbeit mit Hunden, die Angst haben, wusste ich, dass ich viel zu großschrittig begonnen hatte, also begann ich mit dem Fenster aus dem ersten Stock bei uns Zuhause und siehe da – mein Körper zeigte keinerlei Angst- oder Stresssymptome. Ich begab mich in den zweiten Stock und streckte meinen Kopf wieder aus dem Fenster – das war schon grenzwertig. Ich spürte einen leichten Schwindel, entfernte mich vom Fenster, atmete tief durch, bewegte mich ein bisschen und begann das Spiel von Neuem. Nach dem dritten Mal zeigte mein Körper keinerlei Symptome mehr. So übte ich diesen Vorgang in verschiedenen Situationen, immer unter der Prämisse, es nicht zu übertreiben, weil mein eigener Ehrgeiz mich dazu drängte, dass es anders sicher schneller ginge. Nein, geht es nicht! Es ist kontraproduktiv, zu schnell zu viel zu wollen, wenn man wirklich an der Angst arbeiten will. Ich hatte ein großes Ziel – bergsteigen! Und dazu musste ich schwindelfrei sein. Das war mein Motor, das hat mir Mut gemacht und mich motiviert, auch Rückschritte zu verschmerzen und nicht aufzugeben. Warum schreibe ich euch das? Weil ich im Grunde die gleiche Technik nutzte, die wir im Hundetraining anwenden, wenn wir mit einem Hund arbeiten, der vor einem Auslöser Angst hat. Immer wieder lese ich von Trainern, die den Hund ganz massiv in eine Situation drängen, so wie ich es bei mir versucht habe, es direkt mit einer Brücke zu probieren, damit es „schneller“ geht. Der eigene Ehrgeiz einer schnellen Lösung sorgt dafür, dass man den Hund überfordert und das ist kontraproduktiv! Was bedeutet das im Umkehrschluss? KLEINSCHRITTIGKEIT! Und zwar SO kleinschrittig, dass der Hund noch in der Lage ist, sich selbstständig aus dieser Situation zu lösen – sich zu entfernen, so wie ich mich vom Fenster aus dem zweiten Stock entfernen konnte. Ich hatte die Wahl und diese Wahl, das Wissen, dass ich mich jederzeit entfernen kann, gab mir die Sicherheit, es nochmal zu probieren. Wäre jemand hinter mir gestanden, der mich gezwungen hätte, vorn stehen zu bleiben, hätte mein Körper wieder vermehrt Angstsymptome gezeigt. Leider hat der Hund sehr oft keine Wahl, weil Halter oder Trainer der Meinung sind, dass langes Aushalten eine sinnvolle Idee ist, um den Hund an den Angstauslöser „zu gewöhnen“. Das ist ein Irrglaube. Erst wenn der Hund die Sicherheit hat, sich jederzeit wieder entfernen zu können, findet er die Unterstützung, die er benötigt, damit das Training erfolgreich weitergeführt werden kann. Ist es fair, ein Lebewesen, das Angst hat, bewusst ausweglosen Situationen auszuliefern, so sehr, dass es Stresssymptome zeigt? Nein, und das habe ich am eigenen Körper erfahren. Es ist ein ekelhaftes Gefühl. Übrigens hat noch ein ganz entscheidender Faktor zum Erfolg geführt. Ich habe Zuhause begonnen, da, wo ich mich maximal sicher fühle. Das ist ein „Bonus“, der absolut nicht zu unterschätzen ist. Das lässt sich im Hundetraining z.Bsp. wunderbar umsetzen, wenn man auf die Untergrundprägung achtet. Ein Hund, der die Wiese positiv verknüpft hat, kann das unterstützend empfinden, weil die Wiese mit positiven Emotionen belegt ist – viel mehr als ein Training auf Asphalt, den er evtl. mit stressigen Situationen assoziiert. Achtet also im Training auch auf den Untergrund und den emotionalen Bezug eures Hundes – das sind die Kleinigkeiten, die am Ende ein erfolgreiches, faires Training gewährleisten. Ich bin inzwischen übrigens weitestgehend schwindelfrei und komme meinem Traum, hochalpin zu wandern immer näher.

Foto: Shutterstock ©Dan Ross

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