Hundeverhalten & Menschensicht

Belohnung vs. Bestechung

„Du bestichst doch deinen Hund, wenn du ihm ein Leckerchen gibst“, „Ohne Belohnung zeigt der Hund das Verhalten doch eh nicht“ Das sind Sätze, mit denen ich immer wieder konfrontiert werde, deswegen möchte ich sie gern unter die Lupe nehmen, denn sie sind nicht nur sehr pauschal, sie werfen auch zwei ganz unterschiedliche Vorgänge in einen Topf.

Was ist Bestechung?

Bestechung wird im Wirtschaftslexikon Gabler folgendermaßen definiert: “Bestechung i.e.S.: Vorteilsgewährung: Gewährung, Versprechen oder Anbieten von Geschenken oder anderen Vorteilen” Genutzt wird das Wort Bestechnung im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem im Zusammenhang mit der Korruption. Ein Grenzwächter erhält etwas für ihn Lohnendes, damit er den Transport ungeprüft über die Grenze lässt. Die Zuwendung muss also so lohnend sein, dass der innere Konflikt, der zwangsläufig damit einhergeht, überwunden wird. Der innere Konflikt ist das Wissen um die drohende Konsequenz (Strafverfahren, Jobverlust, Verlust der sozialen Stellung etc.) und die „Gier“ nach der zu erwartenden Bestechung. Meist ist der Anstieg des Wertes einer Bestechung proportional zum Anstieg der zu erwartenden Gefahr, entsprechend größer wird der innere Konflikt. Ein ganz wichtiger Grundsatz der Bestechung ist, dass selbige VOR der Handlung geschen muss – denn freiwillig begiebt man sich in diesen Konflikt nicht.

Wie sieht es bei unseren Hunden aus?

Hunde haben nicht, wie wir Menschen, ein Verständnis von Ethik und Moral. Sie können aber abwägen, was sich lohnt. Die Bestechung, das Leckerchen z.Bsp., muss also VOR dem Verhalten präsentiert werden, damit der Hund das Verhalten überhaupt ausführt.

Was bedeutet das im Umkehrschluss?

Er würde das Verhalten von sich aus gar nicht zeigen! – und damit kommen wir der Bestechung auf den Grund. Wann zeigt ein Hund von sich aus Verhalten? Dann, wenn er es gelernt hat und es sich für ihn lohnt. Zeigt er es nicht, hat das einen Grund. Wir übergehen diesen Grund, indem wir ihn bestechen. Ist das fair? Die Beantwortung dieser Frage überlasse ich euch. Die Konsequenz, wenn der Hund ein Verhalten von sich aus nicht zeigt, die Bestechung aber so interessant ist, dass er sich in einen Konflikt begibt, damit er sie bekommt, kann für den Hund sehr unschön sein.

Ist Bestechung per se „böse“?

Nein, Pauschalisierungen sind im Umgang mit Lebewesen nicht sehr sinnvoll. Eine Form der Bestechung ist z.Bsp. das „luring“, das Locken. Es wird häufig genutzt, um den Hund durch oder über Hindernisse zu locken – oder um einen Trick aufzubauen. Wenn man lockt, ist es nur sehr wichtig, sich immer im Gedächtnis zu behalten, dass der Hund dieses Verhalten nicht von sich aus gezeigt hätte, denn dann geht man mit dieser Technik sorgsamer um. Vielleicht überlegt man sich, wie groß der Konflikt ist und was es für Alternativen gibt.

Was ist Belohnung?

Eine Belohnung kann in der Menschenwelt das Auszahlen des Gehaltes, eine Auszeichnung, eine Prämie oder soziale Anerkennung sein – ein Verstärker, sagt die Psychologie. Die Belohnung muss grundsätzlich NACH dem Verhalten auftreten und verstärkt so das vorher gezeigte Verhalten. So funktionieren ganze Vertriebsnetzwerke – mache X Umsatz und du bekommst eine Prämie. Wir alle leben und lernen also mit und nach diesen Prinzipien.

Und beim Hund?

Wie bei uns Menschen auch, zeigt der Hund das erwünschte Verhalten und erhält dann das Leckerchen. Ist die Belohnung sorgsam gewählt, ist sie so lohnend für ihn, dass sie zu einem effizienten Verstärker geworden ist.

Aber das ist ja wie bei der Bestechung! Mehr zählt mehr!

Nein – und das ist der große Irrglaube. Ich erkläre euch auch, warum. Die Motivation ist eine völlig andere. Während der Fokus bei der Bestechung vor allem auf dem Wert der Bestechung liegt und die folgende Handlung dafür „in Kauf genommen“ wird, liegt der Fokus bei der Belohnung auf dem vorher gezeigten Verhalten. Kann dieses Verhalten erfolgreich aufgebaut werden, hat der Hund Erfolg – und Erfolg ist selbstbelohnend. Wir haben also nicht nur die Belohnung, von der wir vermuten, dass sie für den Hund verstärkend wirkt, wir haben auch einen großen Trumpf – den Erfolg. Ich möchte euch noch ein paar Sätze zur Blohnung und Bestechung mitgeben:

  • Belohnung wird strukturiert eingesetzt. Man weiß, WAS und WARUM man belohnt.
  • Belohnung erfolgt nicht aus einer Überforderungssituation heraus.
  • Man hat Kontrolle über die Situation, weil man um das erwünschte Verhalten weiß. So kann man effizient neues Verhalten aufbauen.
  • Der Hund arbeitet mit, kann so Selbstbewusstsein aufbauen und ist motiviert.
  • Das Verhalten selbst kann irgendwann zu Belohnung werden.
  • Der Hund darf nein sagen.

  • Bestechung wird oft weniger strukturiert und pauschal eingesetzt (Er soll über die Stäbe laufen vs. Er soll über 5 Stäbe laufen, die im Abstand X voneinander auf dem Boden liegen und wir bauen jeden Stab einzeln auf)
  • Es scheint ein Problemverhalten schnell zu beenden (Hund will nicht in den Kofferraum, weil es ihm unheimlich ist, also lockt man ihn und bringt ihn so in einen Konflikt)
  • Der Hund hat keinen Lerneffekt für das erwünschte Verhalten, es ist oft mehr der Versuch, unerwünschtes Verhalten zu verhindern.
  • Die Gefahr steigt, dass man die Wertigkeit der Bestechung immer erhöhen muss, weil sie sich „abnutzt“
  • Das Verhalten wird von außen gesteuert, es ist nicht intrinsisch motiviert.

Man könnte darüber viel diskutieren – ist die Erwartung der Belohnung schon Bestechung? Was passiert im Gehirn? Und,und,und…darüber berichte ich gern mehr in meinen Seminaren. Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Überblick geben über dieses spannende Thema und die Chance, ein bisschen zu argumentieren, wenn euch solche Pauschalsätze begegnen.

Foto: Shutterstock Christian Müller

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