Hundeverhalten & Menschensicht

Liebeserklärung an den ängstlichen Hund

Eingezogene Rute, angelegte Ohren, Flüchten, Verkriechen, (Ver)bellen…mit diesen Worten wird ein klassischer „Angsthund“ beschrieben. Ich mag dieses Label nicht, weil es einen Stempel auf ein Lebewesen drückt, das so viel mehr Facetten hat als nur die Angst. Angst hat eine wichtige Funktion – sie schützt. Wenn ein Lebewesen also Angst oder Angstverhalten zeigt, ist es wichtig, zu überlegen, WARUM. Bei einem „gesunden“ Hund ist Angst oder Angstverhalten ein temporärer Zustand, der ohne unser Zutun von anderen Emotionen und Verhaltensweisen abgelöst wird, weil sich der Angstauslöser entfernt hat oder der Hund sich selbst regulieren konnte. Manchmal unterstützen wir unseren Hund, wenn wir merken, dass die Situation für ihn ausweglos erscheint – und doch ist es in der Regel so, dass eine Selbstregulation stattfindet.Was aber, wenn diese Selbstregulation ausgehebelt wird durch eine Reizarmut in den ersten Monaten, traumatischen Erlebnissen oder neurologischen Störungen? Viele Hundehalter*innen, die noch nie in Berührung mit einem ängstlichen oder panischen Hund kamen, können nicht verstehen, warum diese Hunde nicht „funktionieren“. „Man muss sie einfach konfrontieren, dann gewöhnen sie sich schon dran“ ist ein Satz, der mir immer wieder begegnet. Konfrontationstherapien wie das Flooding kennen wir aus der Humanpsychologie – dem Aussetzen einer Überzahl an Reizen. Das Gehirn wird überfrachtet mit ängstigenden Reizen – für einen Hund, der schon Angst hat, kann dies nachhaltige Traumata auslösen. Ein Hund, der Angst hat, ist schon mit den kleinsten Dingen im Leben überfordert. Während andere Hunde im Junghundekurs brillieren, sind Halter*innen von solch besonderen Hunden froh, wenn sie draußen Futter nehmen, wenn sie sich draußen lösen können und nicht bei jeder Bewegung zusammenzucken. Wenn sie nicht flüchten, wenn sie Menschen sehen, wenn sie nicht beißen, weil sie keine andere Strategie finden oder im Konflikt nach vorn gehen und bellen. Ein Leben in Angst bedeutet eine permanente Adaptionsleistung von Körper und Geist – das hält kein Lebewesen auf Dauer aus, ohne körperliche oder psychische Schäden zu nehmen. Stellt euch folgendes vor: Jedes einzelne Angstverhalten kommt einem Trick gleich, der trainiert werden muss. Zählt man sie auf, sind es sehr viele „Tricks“. Das erklärt vielleicht, warum die Kapazitäten für all diese im Alltag überlebensnotwendigen „Tricks“ gebraucht werden und für Mainstream-Spaß und -Spiel nicht annähernd Platz ist. Ein solcher Hund kann lustig sein oder Explorationsverhalten zeigen – aber eben immer nur in SEINEM Tempo und nicht in dem, das wir uns als Menschen so vorstellen. Das, was ein ängstlicher Hund braucht ist ZEIT. Zeit, Geduld und Liebe, damit etwas erwachsen kann, das andere Hunde sich nicht von Grund auf erarbeiten müssen – Vertrauen. Ja, es ist nicht einfach, mit einem ängstlichen Hund zu leben. Man kann nicht „mal eben“ in den Urlaub fahren oder den Hund kurz allein lassen. Man kann nicht Besuch einladen, ohne zu planen oder Erwartungen an ihn stellen. Ein ängstlicher Hund ist ein wunderbarer Lehrer. Er zeigt, wie kostbar Vertrauen ist und dass jeder noch so kleine Schritt ein Geschenk ist – für Hund und Halter*in.„There is no glory in prevention” – könnte man auch auf das Arbeiten mit ängstlichen Hunden übertragen. So kleinschrittig zu arbeiten, dass Angstverhalten nicht oder nur in Maßen auftritt, ist unglaublich schwer und nicht sehr spektakulär. Für den Hund ist aber genau das ein Segen. Erwartungen darf man stellen – aber nicht an den Hund, sondern an sich. An das genaue Beobachten, das Planen, das Ändern der Umgebung und das kleinschrittige Training. Danke für die Lehrstunden, Anna.

Foto: Shutterstock © Skye Studio LK

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